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Revidierte diagnostische Kriterien für das
Marfan Syndrom
Die Diagnose Marfan Syndrom kann gestellt werden,
wenn:
- Hauptkriterien in zwei Organsystemen vorhanden
sind und ein drittes Organsystem beteiligt ist;oder
- Wenn eine FBN1-Mutation nachgewiesen wird, welche
bei einem anderen Patienten mit einem eindeutigen Marfan Syndrom assoziiert
ist. Dann muß ein Hauptkriterium vorhanden und ein weiteres Organsystem
beteiligt sein,oder
- Wenn ein Verwandter des Betroffenen ein Marfan
Syndrom nach Punkt 1. aufweist, dann muß ein Hauptkriterium vorhanden
und ein weiteres Organsystem beteiligt sein.
Hauptkriterien:
A. Skelettales System
Das Vorhandensein von mindestens vier der folgenden
skelettalen Manifestationen:
- Kielbrust
- Trichterbrust, die operationspflichtig ist
- Herabgesetztes Verhältnis von Oberlänge
zu Unterlänge (unter 0,85) oder Verhältnis von Armspanne zu
Körperlänge größer als 1,05;
- positives Handgelenk- und Daumenzeichen;
- Skoliose mit Cobb-Winkel größer als
20 Grad oder Wirbelgleiten
- Eingeschränkte Extension der Ellenbogen (kleiner
als 170 Grad)
- Mediale Verschiebung des medialen Knöchels
mit resultierendem Plattfuß;
- Protrusio acetabuli (röntgenologisch gesichert)
B. Okulares System
- Verschiebung der Linse (Ectopia lentis), einseitig
oder doppelseitig
C. Herz- und Gefäßsystem
- Dilatation der aufsteigenden Aorta (Aorta ascendens)
mit oder ohne Aorteninsuffizienz. Die Dilatation muß mindestens
den Bereich der Sinus valsalvae betreffen oder
- Dissektion (Aufspaltung) der aufsteigenden Aorta;
D. Lumbosakrale Duralektasie (Vorfall der Dura im
Bereich von Kreuzbein und Steißbein),
- Nachweis durch CT oder MRT
E. Genetik und Familienvorgeschichte:
- Ein Verwandter ersten Grades, der unabhängig
vom Betroffenen diese Kriterien erfüllt oder
- der Nachweis einer FBN 1-Mutation, die bekanntermaßen
das Marfan Syndrom verursachen kann; oder
- der Nachweis eines in der Familie des Patienten
an das Marfan Syndrom gekoppelten Haplotyps;
Nebenkriterien
Um auf die Beteiligung eines Organsystems schließen
zu dürfen, müssen folgende Haupt-und Nebenkriterien vorhanden
sein:
F. Skelettales System:
Zwei der oben unter Punkt A aufgeführten Merkmale
oder eines dieser Merkmale und mindestens zwei der folgenden Nebenkriterien
müssen vorhanden sein:
- Mäßig ausgeprägte Trichterbrust
- Gelenküberbeweglichkeit
- Hoher, schmaler (“gotischer”) Gaumen
mit Staffelstellung der Zähne;
- Typisches Aussehen: schmaler Schädel (Dolichozephalie),
Unterentwicklung der Wangenknochen (Malarhypoplasie) , eingefallene
Augen (Enophthalmus), Unterkiefer-Rücklage (Retrognathie), antimongoloide
Lidachse;
G. Augen
Für die Einbeziehung müssen zumindest zwei
der Nebenkriterien vorhanden sein:
- Abnormal flache Hornhaut (Nachweis durch Keratometrie,
Hornhautmessung)
- Vergrößerte axiale Länge des Augapfels
(sonographisch gemessen)
- Hypoplastische Iris oder hyperplastischer Musculus
ciliaris mit eingeschränkter Fähigkeit zur Verengung der Pupille.
H. Herz- und Gefäßsystem
Für die Einbeziehung des Herz- und Gefäßsystems
muss mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegen:
- Mitralklappenprolaps (Vorfall) mit oder ohne Mitralinsuffizienz
(Blutrückfluß)
- Ausweitung der Lungen-Hauptschlagader ohne gleichzeitige
Pulmonalklappenstenose (Verengung) oder periphere Pulmonalstenose oder
einen anderen Grund,
- unterhalb der Altersgrenze von 40 Jahren, oder
- Erweiterung (Dilatation) oder Aufspaltung (Dissektion)
der absteigenden Brust- oder Bauchaorta unterhalb der Altersgrenze von
50 Jahren
I. Lungen
Für die Einbeziehung des Pulmonalsystems muß
eines der Nebenkriterien vorhanden sein.:
- Spontan auftretender Pneumothorax;
- Blasenbildung in den Lungenspitzen (Apikale Blebs)
J. Haut und tiefer liegendes Gewebe
Für die Einbeziehung des Herz- und Gefäßsystems
muss mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegen:
- Dehnungstreifen der Haut (Striae atrophicae) ohne
gleichzeitig merkbare Gewichtsveränderungen oder Schwangerschaft;
- Rezidivierende Hernien (Eingeweidebrüche)
oder Inzisionshernien;
Differentialdiagnose:
Folgende Krankheitsbilder, die sich teilweise mit
dem Marfan Syndrom überlappen, stellen gesonderte Krankheiten dar:
- Kongenitale kontrakturelle Arachnodaktylie (CCA),
Beals-Hecht-Syndrom;
- Familiäres thorakales Aortenaneurysma;
- Familiäre Aortendissektion;
- Familiäre Ektopia lentis;
- Familiärer marfanoider Habitus;
- MASS-Syndrom (Myopie, Mitralklappenprolaps, geringe
Aortenerweiterung, Hautstreifen und Skelettbeteiligung)
- Familiäres Mitralklappenprolaps-Syndrom
- Stickler-Syndrom (hereditäre Arthro-Ophthalmopathie)
Anmerkung:
- Das Shprintzen-Goldberg Syndrom wurde nach Veröffentlichung
der Nosologie aus der Liste der Differentialdiagnosen entfernt.
- Das „Neonatale Marfan Syndrom“ ist
eine weitere Differentialdiagnose.
Revision der diagnostischen Kriterien für
das Marfan Syndrom und die verwandten Krankheiten. Diese können zusammengefaßt
als „Mikrofibrillopathien” bezeichnet werden.
REVISED DIAGNOSTIC CRITERIA FOR THE MARFAN SYNDROME
Anne de Paepe (Gent, Belgien), Richard B. Devereux (New York, USA), Harry
C. Dietz (Baltimore, USA)
Raoul C.M.Hennekam (Amsterdam, Niederlande) and Reed E. Pyeritz (Pittsburgh,
USA);
American Journal of Medical Genetics 1996; 62:417-426
Diese Kriterien stellen eine Überarbeitung der „Berliner Nosologie“
von 1986 dar: Beighton et al.,
American Journal of Medical Genetics 1988; 29:581-594
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